Vielen Eltern fällt es schwer, mit Ihren Kindern über das Sterben und den Tod zu reden. In Dortmund versucht jetzt ein Kindergarten gemeinsam mit Friedhofsgärtner, den Kleinen das Thema nahe zu bringen.
Von Maike Jansen
Vielen Eltern fällt es schwer, mit Ihren Kindern über das Sterben und den Tod zu reden. In Dortmund versucht jetzt ein Kindergarten gemeinsam mit Friedhofsgärtner, den Kleinen das Thema nahe zu bringen "Tschüss, Hummel", sagt Maurice noch, als er das Insekt in die Streichholzschachtel legt und mit ein paar Grashalmen bedeckt. Dann legt er die Schachtel zur Seite, greift nach einer Schaufel und beginnt, am Rand des strahlenförmigen Blumenbeets ein kleines Loch auszuheben. Der Tod ist hier, im Kindergarten St. Bonifatius im Norden von Dortmund, allgegenwärtig. Ein Teil des Gartens ist hier seit einigen Wochen zum Friedhof umgewidmet worden - einem Tierfriedhof. In einem gemeinsamen Projekt wollen Kindergarten und die Genossenschaft der Dortmunder Friedhofsgärtner auch schon den Jüngsten nahebringen, was sonst mit Angst und Schrecken besetzt ist: "Kinder, Tod und Lebensfreude", heißt die Aktion, die nicht nur bei den Eltern in St. Bonifatius zunächst Skepsis hervorgerufen hat. Kinder und Lebensfreude - das passt zweifellos zusammen. Aber was macht der Tod in dieser Auflistung? "In unserer schnelllebigen Welt ist es wichtig, wieder mehr Sensibilität für die Vergänglichkeit herzustellen", sagt Martin Struck, Friedhofsgärtner und Initiator des Projekts. Träfe man Struck nicht in seinem Büro am Rande des Dortmunder Friedhofs, würde man wohl nicht auf die Idee kommen, dass dieser Mann, der einen mit strahlendem Lächeln und festem Händedruck begrüßt, täglich mit dem Thema Tod konfrontiert wird. Mit trauernden, oft verzweifelten Menschen. Aber auch mit Menschen, die nach ihrem Tod scheinbar vergessen werden, deren Grab niemand besucht, niemand pflegt. "Man schafft einen solchen Job nur mit einer Mischung aus Bodenständigkeit und einem Gespür für Trauer", sagt Struck, und: "Man darf niemals abstumpfen. Wenn ich über ein Kindergrabfeld gehe und es läuft mir kein Schauer mehr über den Rücken, bin ich hier falsch." Sensibilität schaffen - das haben sich Struck und seine Kollegen zur Aufgabe gemacht, oder zum "Hobby", wie er es ausdrückt. Auch Waltraud Piechaczyk, Kindergärtnerin in St. Bonifatius, erkannte vor einiger Zeit: Der Tod ist ein Thema, auch für die Kleinsten. "Ich habe in meiner Gruppe oft erlebt, dass die Kinder spielten, sie würden sich totschlagen oder totschießen." In letzter Zeit sind diese Spiele weniger geworden. Der Tod hat hier jetzt einen anderen, eigenen Platz: Am Rand des Gartens haben die Friedhofsgärtner gemeinsam mit den Kindern ein Blumenbeet angelegt, eine Grabanlage in Form einer Sonne. Dort finden seit einigen Wochen regelmäßig Beerdigungen statt - Bienen, Fliegen und Spinnen finden hier ihre letzte Ruhe. "Die Wespe habe ich bei uns auf der Fensterbank gefunden", erzählt Maurice, während er in einem Köfferchen nach Werkzeug sucht. Im "Beerdigungskoffer" findet sich alles, was die Kinder für ihre Tierbestattungen brauchen: Kleine Särge aus Pappe, eine Schaufel, eine Kerze. "Die Kinder sind mit Begeisterung dabei, mehrmals in der Woche beerdigen wir hier jetzt Insekten", erzählt Erzieherin Piechaczyk. Und das geht so: Auf Gras gebettet wird die Wespe in ihren Sarg gelegt, mit der Schaufel wird ein kleines Grab ausgehoben. Während Piechaczyk eine Kerze anzündet, basteln die Kinder aus Zweigen ein Kreuz, das die Grabstelle markiert. Erst dann stellen sich alle im Kreis um das Grab, fassen sich an den Händen und singen ein Lied, schicken dem verstorbenen Tier noch einen Wunsch mit auf den Weg: "Alles Gute", sagt eins der Mädchen, "Sonnenschein", ein anderes. Und dann ist er auch schon vorbei, der Moment der Andacht. Die Kinder verstreuen sich, spielen fröhlich weiter. "Genauso muss es sein", sagt Struck. "Wir wollen die Kinder nicht traurig machen." Dennoch: Kinder völlig von Tod und Trauer fernzuhalten - davon hält der Friedhofsgärtner nichts: "Oft nehmen Erwachsene Kinder nicht mit zu Beerdigungen, um sie nicht zu belasten." Statt zu sagen: Opa ist gestorben, heißt es dann: Der Opa ist eingeschlafen. "Das erzeugt nur zusätzliche Angst bei den Kindern", glaubt Struck. "Die Kleinen haben dann selbst Angst einzuschlafen und vielleicht nicht wieder aufzuwachen." Als Struck gemeinsam mit der Kulturpädagogin und Künstlerin Birgit Mattern das Projekt in St. Bonifatius vorstellte, stieß er zunächst auf viel Ablehnung. "Dass wir mit den Kindern auf den Friedhof gehen wollten, gefiel einigen Eltern gar nicht." Inzwischen verstehen jedoch auch diese Eitern, was Struck mit seinem Projekt erreichen wollte: "Wir sind über den Friedhof gelaufen und haben uns Gräber angeschaut", erzählt er. Schließlich seien sie auch an einem Feld mit Kriegsgräbern vorbeigekommen. "Da fragten mich die Kinder dann, warum auf dem Stein zwei Namen stünden." Es war das Grab einer Mutter, die dort gemeinsam mit ihrem Kind beerdigt war. Beide kamen bei einem Bombenangriff ums Leben. "Das hat vielen Kindern das erste Mal gezeigt, was Krieg eben auch bedeutet." Krieg, der nicht im Fernsehen oder im Computer stattfindet. Krieg, den man nicht spielt, bis man zum Mittagessen gerufen wird. Und noch etwas haben die Kinder aus dem Projekt mitgenommen, da ist sich Struck sicher: Gräber sind Orte, die man pflegt und achtet. "Vor ein paar Wochen, als wir den Tierfriedhof frisch angelegt hatten, haben nachts ein paar Jugendliche alles kaputtgemacht", erzählt Struck. Die Kinder seien entsetzt gewesen, traurig, dass jemand zerstört, was sie aufgebaut hatten. "Diese Kinder werden als Jugendliche nicht zu Vandalen werden", sagt Struck. Vielleicht werden sie eines Tages ihren Kindern auch nicht erzählen, dass "der Opa eingeschlafen ist", werden sie stattdessen mit auf die Beerdigung nehmen. In einem aber ist sich Friedhofsgärtner Struck sicher: "Der Tod bereitet Kindern keine Angst. Angst haben die Erwachsenen."